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Interview
21.05.20267 Min. Lesedauer

Prof. Julia Seiderer-Nack

Warum Frauen häufiger Darmprobleme haben – und wie sich der Darm stärken lässt

Viele essen gesund, aber oft zu einseitig. Genau das kann dem Darm Probleme bereiten. Denn für ein gesundes Mikrobiom und eine starke Darmbarriere braucht unser Körper vor allem Vielfalt: verschiedene Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Mikronährstoffe. Warum das so wichtig ist und warum Frauen besonders häufig Darmprobleme entwickeln, erklärt Professor Julia Seiderer-Nack.

 
 
 

Professor Julia Seiderer-Nack, die ihr Studium in München und an der Harvard Medical School absolvierte, zählt zu den führenden Expertinnen im Bereich der Darmgesundheit und des Mikrobioms. Als Leiterin des Mikrobiomzentrums München nutzt sie ihre umfassende Expertise, um Patienten mit Darmerkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Reizdarmsyndrom individuell und ganzheitlich zu betreuen. Ihr neuster Ratgeber "Frauen haben anders Darm" ist gerade erschienen (GU Verlag).

 
 

Frau Prof. Seiderer-Nack, Darmprobleme sind weit verbreitet. Aber warum sind Frauen mit einem Anteil von 70 Prozent überdurchschnittlich häufig betroffen?

"Das ist eine gute Frage – und auch der Grund, warum ich das Buch „Frauen haben anders Darm“ geschrieben habe. Das vermehrte Auftreten von Darmproblemen bei Frauen wird häufig damit erklärt, dass Frauen mehr Stress haben oder einfach häufiger zum Arzt gehen und über ihre Darmprobleme sprechen als Männer. Wissenschaftlich gibt es aber noch mehr Unterschiede: Frauen zeigen bei Infektionen eine stärkere Abwehrreaktion und haben häufiger Autoimmunerkrankungen oder allergische Reaktionen. Zudem bestehen Unterschiede in der Anatomie und Funktionsweise – ein weiblicher Darm ist etwas länger und hat eine längere Transportzeit. Auch in Sachen Schmerzempfinden und Reizverarbeitung gibt es Unterschiede. Frauen haben zudem eine andere Zusammensetzung des Darmmikrobioms als Männer. Und ganz wichtig: weibliche Sexualhormone wirken auch auf den Darm und beeinflussen das Schmerzempfinden und die Verdauung.“


Was genau ist die Darmbarriere und welche Aufgabe hat sie? 

"So wie die Haut uns vor Einflüssen von außen schützt, schützt die Darmbarriere unseren Organismus von innen wie ein Grenzwall vor dem unerwünschten Eindringen von Bakterien, Toxinen oder Nahrungsbestandteilen. Mit der Nahrung nehmen wir viele Nährstoffe, aber eben auch viele Fremdstoffe in unseren Körper auf. Der Darm hat die Aufgabe, nur ganz gezielt wichtige Nährstoffe über die Darmwand in das Blutsystem aufzunehmen. Damit keine unerwünschten Eindringlinge hineinkommen, sind die einzelnen Darmzellen der Schleimhaut ganz dicht aneinandergereiht und werden durch spezielle Eiweiße, Tight Junctions, verbunden und abgedichtet. Zudem wird diese Barriere vom Immunsystem und schützenden Darmbakterien unterstützt – sie verhindern, dass sich krankmachende Erreger andocken und die Darmbarriere überwinden können.“   


Was passiert, wenn die Darmbarriere geschwächt ist? 

"Durch Störungen im Mikrobiom oder Schleimhautschädigungen kann es passieren, dass die Darmbarriere nicht mehr ganz dicht ist, also durchlässig geworden ist. Bakterien oder Fremdstoffe können den Grenzwall überwinden und verstärkt mit dem Immunsystem in der Darmwand in Kontakt kommen und dieses aktivieren. Mögliche Folgen sind verstärkte Entzündungsprozesse im gesamten Körper, aber auch vermehrt Unverträglichkeiten und Autoimmunprozesse.“

Gibt es bestimmte Lebensmittel oder Nährstoffe, die helfen, gezielt die Darmbarriere zu stärken?

"Wichtig für die Darmbarriere ist zum einen eine gute Versorgung der Darmbakterien mit Ballaststoffen in der täglichen Ernährung, aber auch ganz besonders das Vermeiden von schädlichen Stoffen. Wir wissen heute, dass die Bestandteile einer hochprozessierten, industriell hergestellten Nahrung (z. B. Fertigprodukte, Fastfood) durch ihren hohen Anteil an Fett und Zucker, aber auch Emulgatoren und Zusatzstoffen die Darmbarriere schädigt. Frisch zubereitete, natürliche und ballaststoffreiche Kost mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten sowie hochwertigen Fetten, Omega-3-Fettsäuren, ist hier die beste Prophylaxe. Zudem finden sich darin auch wichtige Vitamine und Spurenelemente, die die Darmbarriere zusätzlich unterstützen.“

Wie beeinflusst unser Mikrobiom unser Gewicht und unsere Verdauung?

"Die Zusammensetzung unseres Mikrobioms hat – zusammen mit der Ernährung – durchaus Einfluss auf unsere Verdauung, sei es durch die Anregung der Darmbewegungen (Peristaltik) als auch in Bezug auf die Zerlegung von Nahrungsstoffen. So zerlegen Darmbakterien unverdauliche Ballaststoffe und produzieren viele verschiedene Stoffwechselprodukte, so dass wir uns heute nicht nur für die einzelnen Bakterien, sondern vor allem für ihren Stoffwechsel, das Metabolom, interessieren. Bakterien beeinflussen zudem, wieviel Energie wir aus unverdaulichen Nahrungsbestandteilen ziehen und wie Sättigungshormone gebildet werden. Auch gibt es immer mehr Hinweise auf Zusammenhänge zur Blutzuckerregulation und Insulinwirkung – all das hat natürlich letztlich Einfluss auf unseren Stoffwechsel und unser Körpergewicht.“


Reicht es aus, einfach mehr Ballaststoffe zu essen? Welche (Mikro-)Nährstoffe sind für eine gesunde Darmfunktion besonders wichtig?

"Ballaststoffe sind in der Tat sehr wichtig, weil sie den Darmbakterien als Futter dienen und von diesen auch zu wichtigen antientzündlichen Fettsäuren wie Butyrat umgebaut werden. Daher werden pro Tag mindestens 30 Gramm Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Gemüse und Obst in der Ernährung empfohlen. Aber auch Mikronährstoffe können die Regeneration der Darmschleimhaut unterstützen und auf das darmeigene Immunsystem sowie das Mikrobiom selbst Einfluss nehmen. Beispiele hierfür sind Zink und L-Glutamin, aber auch B-Vitamine, Vitamin D und natürlich Polyphenole. Diese antioxidativ wirksamen Pflanzenstoffe finden sich zum Beispiel in grünem Gemüse, grünem Tee oder dunklem Beerenobst.“


Welche ersten Schritte empfehlen Sie, um die Darmgesundheit zu verbessern?

"Der wichtigste Schritt ist eine gesunde Ernährung: eine mediterrane, ballaststoffreiche Kost mit hochwertigen Fetten, z. B. in Leinöl, Rapsöl, frischem Seefisch, und vielen Vitaminen und Polyphenolen ist die beste Basis, gerne ergänzt auch mit fermentierten Lebensmitteln wie Kefir oder fermentiertem Gemüse, da diese natürliche Probiotika enthalten. 

Darüber hinaus sollten wir unseren Darm und sein Mikrobiom auch schützen: durch die Vermeidung von industrieller Fertignahrung, aber auch durch einen kritischen Blick auf zu häufige und unnötige Antibiotikagaben.“

Vielen Dank für das Gespräch!