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lavita.com
17.03.20266 Min. Lesedauer

Mehr Steak, weniger Getreide? So sinnvoll sind die neuen US-Ernährungsempfehlungen

Die USA haben ihre neuen Ernährungsempfehlungen1 veröffentlicht und die Ernährungspyramide buchstäblich auf den Kopf gestellt. Eine radikale Wende, bei der wir einige Punkte als sinnvoll bewerten, andere jedoch kritisch sehen. Wir zeigen Ihnen, was auch wir davon lernen können und welche Maßnahmen Sinn machen.

 
 
US-Ernaehrungsempfehlungen
 
 
 

Die Gesundheitskrise in den USA

Die USA kämpfen – ähnlich wie Europa – seit Jahren mit einem deutlichen Anstieg chronischer Erkrankungen. Laut Kennedy und seinen Unterstützern ist die neue Pyramide eine logische Reaktion auf diesen Gesundheitsnotstand, geprägt durch hohe Raten von Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

 
 
 
Ernaehrungspyramide USA
 

Die auffälligste Neuerung im Vergleich zu früher: Ganz oben stehen nun Protein, Fleisch, Käse und Milch, dazu weiterhin Gemüse und Obst. Die Richtung ist eindeutig: weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß.   

  • Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte stehen im Zentrum.  

  • Vollkorn spielt eine Nebenrolle.  

  • Als gesund gelten Fette aus Fleisch, Eiern, Fisch, Nüssen, Oliven und Avodados. Zum Kochen werden Olivenöl, Butter und Rindertalg empfohlen. 

  • Die Finger lassen sollte man von: stark verarbeiteten Lebensmitteln, süßen oder salzigen Produkten oder Produkten mit künstlichen Zusatzstoffen und zugesetztem Zucker. 

  • Die übergeordnete Botschaft lautet: „Eat real food”, also möglichst unverarbeitete, natürliche Lebensmittel essen. Denn ein hoher Konsum dieser geht mit mehr Todesfällen, Krebs, Typ-2-Diabetes und Depressionen einher. In den USA stammen rund 57 Prozent der Kalorien aus ultraverarbeiteten Produkten.

Doch werden diese Empfehlungen die Ernährung tatsächlich revulotionieren bzw. die Amerikaner wieder gesund machen („Make America Healthy Again”), wie von der Politik gewollt?

 
 

Wer steckt hinter der Pyramide?

Interessanterweise hatten Wissenschaftler ursprünglich einen 13-seitigen evidenzbasierten Leitfaden entwickelt, der als Grundlage für die neuen U.S. Dietary Guidelines 2025–2030 dienen sollte. Stattdessen hat die aktuelle Regierung neue Ernährungsrichtlinien formuliert, die sich deutlich von den Empfehlungen des unabhängigen wissenschaftlichen Gremiums unterscheiden. Die ursprünglichen, evidenzbasierten Empfehlungen können Sie hier nachlesen (in englischer Sprache). 

 
 

Unsere Bewertung der neuen US-Ernährungspyramide: Welche Neuerungen sinnvoll sein können.

  • Fokus auf nährstoffreiche Lebensmittel: Die Ernährungspyramide setzt stärker auf Lebensmittel mit hoher Mikronährstoffdichte. Vitamine, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe bilden die Grundlage für einen gesunden Stoffwechsel und tragen langfristig zu Wohlbefinden und Gesundheit bei.  

  • Echte, unverarbeitete Lebensmittel: Der Grundsatz „Eat real food“ – also „Esst echte Lebensmittel“ – motiviert dazu, häufiger selbst zu kochen und frische Zutaten zu verwenden. Wer seine Mahlzeiten selbst zubereitet, muss sich weniger mit Kalorienzahlen beschäftigen und unterstützt gleichzeitig aktiv die eigene Gesundheit.  

  • Frisches Gemüse an oberster Stelle: Gemüse wird als zentrale Komponente klar hervorgehoben. Studien zeigen immer wieder, dass ein hoher Gemüseverzehr zu den wirksamsten Maßnahmen für langfristige Gesundheit gehört.  

  • Der Protein-Fokus, wenn auf Vielfalt geachtet wird: Statt der bisherigen Empfehlung 0,8 Gramm pro kg Körpergewicht werden nun 1,2 bis 1,6 Gramm täglich vorgeschlagen. Was bedeutet das konkret? Für eine 60 kg schwere Frau wären das statt 48 Gramm nun 96 Gramm Protein am Tag. Umgerechnet auf Hähnchenbrustfilet entspricht das etwa 420 g täglich, statt rund 210 g nach der früheren Empfehlung. Hier alleine auf Fleisch zu setzen, ist nicht die beste Wahl. Mehr Protein zu essen, kann allerdings sinnvoll sein, entscheidend ist jedoch die Ausgewogenheit. Wichtig ist, nicht einseitig mehr Fleisch zu essen, sondern verschiedene Quellen zu kombinieren, vor allem auch pflanzliche. Mit pflanzlichen Proteinquellen ist gleichzeitig eine ausreichende Ballaststoffzufuhr besser gewährleistet.

  • Darmgesundheit erstmals erwähnt: Positiv ist, dass das Thema Darmgesundheit erstmals explizit aufgegriffen wird. Ballaststoffe werden betont, ebenso der Verzehr fermentierter Lebensmittel. Visuell finden sich diese jedoch – im Widerspruch zur textlichen Empfehlung – eher an der Spitze der Pyramide.  

 
 

Wirklich mehr Fleisch essen? Was man dazu auch wissen sollte.

  • Starker Fokus auf tierische Lebensmittel: Pflanzliche Proteinquellen und ballaststoffreiche Lebensmittel erhalten visuell kaum Gewicht. Die Darstellung legt einen Schwerpunkt auf tierische Produkte, während Hülsenfrüchte beispielsweise gar nicht auftauchen. Dabei wissen wir aus zahlreichen Studien2, dass pflanzliche Proteine das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.  

  • Milchprodukte dreimal täglich: Die Empfehlung berücksichtigt nicht, dass ein großer Teil der Bevölkerung laktoseintolerant ist. Pflanzliche Alternativen, die oft ein sehr gutes Nährstoffprofil haben, werden nicht erwähnt.  

  • Widersprüchliche Fett-Empfehlungen: Gesättigte Fette sollen maximal 10 Prozent der täglichen Kalorien ausmachen. Gleichzeitig steht Fleisch und weit oben in der Pyramide – Lebensmittel mit oft hohem Anteil gesättigter Fettsäuren. Diese inkonsistente Botschaft sorgt bei vielen Ernährungsexperten für Kritik, da nicht klar wird, wie diese Empfehlungen praktisch umgesetzt werden sollen. Fleisch aus guter Herkunft, bewusst und in Maßen verzehrt, kann Teil einer ausgewogenen Ernährung sein. Ein unreflektierter Konsum – zu dem die neue Darstellung verleitet – kann jedoch die Aufnahme gesättigter Fette erhöhen und langfristig das Risiko für zahlreiche Erkrankungen steigern.  

  • Proteinmenge und Darstellung: Die Empfehlung von 1,2–1,6 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht kann sinnvoll sein. Die visuelle Umsetzung der Pyramide vermittelt jedoch den Eindruck, dass vor allem große Mengen tierischer Produkte der richtige Weg dorthin seien.  

  • Mögliche Interessenkonflikte: Berichten zufolge stehen einige Mitglieder des Gremiums in finanziellen Verbindungen zur Rindfleisch- und Milchindustrie. Damit wiederholt sich eine Kritik, die bereits an der früheren Ernährungspyramide geäußert wurde – damals in Bezug auf die Getreideindustrie.  

 
 

Die US-Ernährungspyramide ist kein Grund, die eigene Ernährung komplett umzustellen. Sie bestätigt vor allem bekannte Grundsätze: nährstoffreiche, unverarbeitete Lebensmittel stehen im Mittelpunkt, Protein spielt eine wichtige Rolle für Stoffwechsel und Sättigung. Gleichzeitig gibt es keinen Anlass, bewährte Prinzipien wie eine pflanzenbetonte Ernährung, ausreichend Ballaststoffe und einen maßvollen Umgang mit tierischen Produkten aufzugeben. Entscheidend ist weniger die Grafik als die Frage, wie ausgewogen und “real food”-basiert die eigene Ernährung tatsächlich ist.

Dunja Rieber
Ernährungswissenschatlerin

 
 

Was bedeutet das für unseren Alltag?   

Die neue US-Ernährungspyramide wird in den kommenden Jahren voraussichtlich großen Einfluss haben – auf Schul- und Gemeinschaftsverpflegung, auf Forschungsprioritäten und langfristig auch auf internationale Ernährungsempfehlungen. Erfahrungsgemäß wirken US-Leitlinien oft weit über die Landesgrenzen hinaus und finden mit zeitlicher Verzögerung auch Eingang in europäische und deutsche Empfehlungen.  

Statt einzelne Lebensmittelgruppen zu verteufeln oder zu überhöhen, bleibt entscheidend, wie ausgewogen, vielfältig und bewusst wir essen. Eine Ernährung, die reich an Gemüse, Ballaststoffen und pflanzlichen Lebensmitteln ist, ergänzt durch hochwertige tierische Produkte in Maßen, entspricht weiterhin dem besten wissenschaftlichen Kenntnisstand. Die neue US-Pyramide kann daher Impulse liefern – sollte aber kritisch eingeordnet und nicht unreflektiert übernommen werden.  

 
 
  • 1

    https://cdn.realfood.gov/DGA.pdf

    2

    Glenn AJ, Wang F, Tessier AJ, Manson JE, Rimm EB, Mukamal KJ, Sun Q, Willett WC, Rexrode KM, Jenkins DJ, Hu FB. Dietary plant-to-animal protein ratio and risk of cardiovascular disease in 3 prospective cohorts. Am J Clin Nutr. 2024.