Zum Inhalt springen
lavita.com
Interview
Aktualisiert am 12.03.20267 Min. Lesedauer

Atemexpertin Doris Marchadier im Interview

Warum viele Menschen falsch atmen – und wie es besser geht

Bewusstes Atmen kann Stress reduzieren, den Blutdruck senken und die Leistungsfähigkeit unterstützen. Doch Hektik, Anspannung und ständiges Bauch-Einziehen führen dazu, dass wir flacher und schneller atmen, als dem Körper guttut. Dabei ist die tiefe Bauchatmung ein einfacher Schlüssel, um aktiv Einfluss auf die eigene Gesundheit zu nehmen. 

Nur: Wie finden wir wieder zurück zu unserer natürlichen Atmung? Wir haben Atemexpertin Doris Marchadier gefragt, wie wir unseren Atem im Alltag bewusster nutzen können und wie sehr wir davon profitieren.

 
 
 

Doris Marchadier
hat über 30 Jahre Berufserfahrung, ist in eigener Praxis für Physiotherapie und Naturheilkunde tätig und hat ihr Wissen im Buch „Die Kraft der Atmung“ (Springer) zusammengefasst – inklusive der wichtigsten Studien, Zusammenhänge und vielen Übungen für den Alltag. Sie hält deutschlandweit Workshops und Seminare zum Thema Atmung, Meditation und Longevity.

 
 

Frau Marchadier, warum atmen wir oft „falsch“, obwohl wir es 17.000 Mal am Tag tun? Atmen wir nicht automatisch richtig?

„Als Coach sage ich ungern „falsch“. Was wir häufig tun, ist ineffizient zu atmen. Unser Alltag ist schnell, getaktet, oft viel schneller als unser Atem. Wir sitzen viel, ziehen die Schultern hoch, spannen unbewusst an – und zack, der Atem wird flach. Wenn wir uns nicht bewusst kurze Atempausen gönnen, schaltet der Körper automatisch in den Stressmodus. Dann wundern wir uns über Unruhe, schlechten Schlaf oder das Gefühl, nicht richtig durchzuatmen. Das Gute ist: Wir können jederzeit gegensteuern. Ein paar bewusste Atemzüge reichen, um das System umzuprogrammieren.“

Woher weiß ich, ob ich richtig atme?

„Unser Körper zeigt es uns deutlich: schmerzhafte, verspannte Schultern, ein steifer Nacken, ein fester Kiefer oder das Gefühl, dass der Atem „oben hängen bleibt“. In der natürlichen Ruheatmung arbeitet der Bauch sanft mit – beim Einatmen dehnt er sich nach vorne, beim Ausatmen wandert er wieder zurück. Und ein Tipp: Die Einatmung darf kürzer sein als die Ausatmung. Allein das bringt enorm viel Ruhe.“

Was passiert im Körper, wenn wir bewusst atmen?

„Das ist für unseren Körper ein besonders wertvoller Moment! Die Herzfrequenz sinkt, die Muskulatur lässt los, der Kopf wird klarer. Der Atem wird tiefer und gleichmäßiger und unterstützt damit das Nervensystem, den Stoffwechsel und die Selbstregulation. Ein spannender Punkt: Die kleine Pause nach der Einatmung. Genau dort passiert der Sauerstoffaustausch. Wenn wir diese Pause trainieren – etwa mit der 4–7–8-Atmung – verwandelt sich Atmen in ein kraftvolles Werkzeug.“

 
 

Gegen Stress & Ängste: Die 4-7-8-Atmung entspannt sofort.

Diese Methode kann zur Entspannung beitragen, den Sauerstofftransport im Körper unterstützen und den Blutdruck senken. So geht’s:

  1. Durch die Nase einatmen und innerlich bis 4 zählen.  

  2. Den Atem anhalten, dabei (annähernd) bis 7 zählen und auf das Halten des Atems konzentrieren.  

  3. Durch den Mund ausatmen, innerlich bis 8 zählen und den Atemfluss möglichst entspannt halten.

 
 

Welche Vorteile hat die bewusste Atmung?

„Für mich ist die bewusste Atmung ein innerer „Reset-Button“, den wir jederzeit nutzen können. Wir wissen heute: Dauerstress schwächt unser Immunsystem. Bewusste Atmung bewirkt das Gegenteil: Der Körper entspannt, Stress sinkt, Schlaf und Immunsystem profitieren, wir fühlen uns ausgeglichener und klarer. Und das Beste: Die wichtigste Technik ist unglaublich einfach: Den Ausatem bewusst verlangsamen und verlängern. Ein Beispiel: Atmen Sie auf 5 gezählt ein und auf 8 gezählt aus. Wiederholen Sie das 5-mal – die entspannende Wirkung zeigt sich sofort.“

Wie kann Atmung Stress oder Angst reduzieren?

„Der Vagusnerv – unser Ruhe- oder Entspannungsnerv – reagiert unmittelbar auf unseren Atem. Vor allem ein verlängerter Ausatem aktiviert ihn und bringt den Körper in den Ruhemodus. Wichtig ist dabei, die Nasenatmung zu priorisieren, weil sie unser natürlicher Filter und unser Regulator ist. Wer immer durch den Mund atmet, signalisiert dem Vagusnerv Stress. Normalerweise atmen wir nur durch den Mund, wenn wir rennen oder uns körperlich stark anstrengen. Daher sendet die Mundatmung im Ruhezustand falsche Signale an das Nervensystem. Bei Atemwegserkrankungen empfehle ich, mit Ärzten Rücksprache zu halten, um zu klären, was individuell sinnvoll ist.“

Dann hilft es, in Stresssituationen wirklich tief durchzuatmen?

„Ja, durch bewusst verlängertes Ausatmen signalisieren wir dem Nervensystem: Alles gut. Du bist sicher. Viele Menschen geraten in Stress, weil sie sich selbst überholen – zu viel, zu schnell, ohne echte Pausen.“

 
 

Warum die richtige Atmung der Gesundheit so guttut:

  • Atemrhythmus als Stress-Schalter. Die Art, wie wir atmen, beeinflusst direkt unser Nervensystem: langsames, tiefes Ausatmen aktiviert den Parasympathikus (Ruhe), während schnelles Atmen den Sympathikus (Stresszustand) aktiviert. 

  • Mit der 4/6-Methode den Blutdruck senken. Studien zeigen, dass regelmäßig praktizierte Atemübungen langfristig den Blutdruck senken können (systolisch um 7 mmHg, diastolisch um 3,4 mmHg)1. Atmen Sie dreimal täglich für eine Minute etwa vier Sekunden ein und sechs Sekunden aus. Die verringerte Atemfrequenz senkt Herzschlag, Blutdruck und Ruhepuls nachhaltig.  

  • Lungenkapazität und Lebenserwartung. Eine größere Lungenkapazität gilt als einer der besten Indikatoren für eine höhere Lebenserwartung. Viele Menschen nutzen jedoch nur einen kleinen Teil ihres Zwerchfells beim Atmen. 

  • Super-Gehirn dank richtiger Atmung. Bewusste Atmung steigert die Sauerstoffversorgung des Gehirns und verbessert den Fokus. Tipp: Vor schwierigen Aufgaben drei tiefe Bauchatemzüge nehmen und die Ausatmung bewusst verlängern. So wird Ihr Gehirn wacher und klarer.

 
 

Können wir wieder lernen, richtig und natürlich zu atmen?

„Ja, indem wir uns an das erinnern, was unser Körper eigentlich beherrscht: einen weichen Bauchraum, entspannte Schultern, ruhige Atembewegungen. Die meisten Menschen atmen im Alltag zu hoch oder viel zu flach. Sobald sie entspannen – auf der Couch zum Beispiel – atmen sie wieder ganz natürlich. Daher mein Tipp: Mehr kleine Atempausen einbauen. Und abends: Geräte ausschalten, das Licht dimmen und sich Zeit für sich nehmen. Das bringt den Atem und das Nervensystem zurück in die Balance.“

 
 

Das können Sie für bewussteres Atmen im Alltag und in der Nacht tun:

1. Nasenatmung fördern:

Die Atmung durch die Nase ist physiologisch günstiger als die Mundatmung. Sie filtert, befeuchtet und erwärmt die Atemluft und aktiviert über Stickstoffmonoxid (NO) eine bessere Durchblutung der Lunge. Studien zeigen, dass die Nasenatmung mit ruhigerer Atmung und besserer Sauerstoffverwertung verbunden ist.

Achten Sie im Alltag bewusst darauf, den Mund geschlossen zu halten – besonders bei konzentrierten Tätigkeiten, Gehen oder leichten körperlichen Belastungen. In der Nacht kann ein Tape oder Pflaster unterstützend wirken, Mundatmung und Schnarchen zu verhindern. 

2. Atemfrequenz reduzieren:

Viele Menschen atmen nicht nur zu flach, sondern auch zu schnell. Dabei bedeutet schnelleres Atmen nicht automatisch, dass der Körper mehr Sauerstoff bekommt. Entscheidend ist das Gleichgewicht von Sauerstoff und Kohlendioxid im Körper. Kohlendioxid hilft dabei, Sauerstoff aus dem Blut in die Zellen abzugeben. Atmen wir zu schnell, geht zu viel Kohlendioxid verloren, und der Sauerstoff kann trotz ausreichender Luft schlechter genutzt werden. Eine ruhige, langsame Atmung unterstützt deshalb eine bessere Versorgung der Zellen.

Die ideale Atemfrequenz in Ruhe liegt bei etwa sechs Atemzügen pro Minute. Ideal sind:

  • 4 Sekunden einatmen

  • 6 Sekunden ausatmen

3. Zwerchfellatmung aktivieren:

Lernen Sie wieder, tief in den Bauch zu atmen. Machen Sie mehrmals täglich den Selbst-Check: Legen Sie Ihre Hand auf den Bauch, eine auf die Brust. Atmen Sie drei Atemzüge ein und aus. Bewegt sich Ihre Brust mehr als der Bauch? Dann üben Sie bewusst, in den Bauch zu atmen. Auch zu enge Kleidung, langes Sitzen und Stress lassen uns in die Brust atmen. 

4. Atempausen zwischen Terminen:
Überprüfen Sie Ihre Atemtechnik mehrmals über den Tag hinweg. Sind Sie angespannt und atmen flacher, fokussieren Sie sich mehr auf die Bauchatmung und atmen Sie deutlich länger aus (6–8 Sekunden). 

5. Abendliche Atemroutine:
Eine ruhige Atemübung vor dem Schlafengehen senkt nachweislich Herzfrequenz und Stresshormone und erleichtert das Einschlafen.

 
 
 
  • 1

    Piyush Garg et al.: Effect of breathing exercises on blood pressure and heart rate: A systematic review and meta-analysis, International Journal of Cardiology Cardiovascular Risk and Prevention, 2024.