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Interview
Aktualisiert am 09.02.20267 Min. Lesedauer

Dr. med. Pia Roser im Interview

Trotz essen nicht satt? Neue Forschung zeigt, wie wir Sättigung fördern

Vielleicht kennen Sie das: Man hat gerade gegessen, ist eigentlich satt, und trotzdem meldet sich kurze Zeit später wieder der Appetit. Viele Menschen erleben, dass Appetitattacken aus dem Nichts auftauchen – oft nur Minuten nach einer Mahlzeit – oder man ununterbrochen ans Essen denkt. Was wie ein Rätsel wirkt, hat eine klare biologische Ursache: Das Sättigungssystem ist aus dem Gleichgewicht geraten und sendet die falschen Signale.


Dr. med. Pia Roser, Fachärztin für Endokrinologie und Adipositas, beschäftigt sich seit Jahren genau mit diesen Prozessen. Sie erforscht, wie Hormone unser Essverhalten regulieren und warum manche Menschen hartnäckigen Heißhunger erleben, obwohl sie bereits Vieles richtig machen. Mit ihrem Ansatz zeigt sie, dass wir unser Sättigungssystem trainieren und mit einfachen Gewohnheiten stabilisieren können.

 
 
 

Dr. Pia Roser
ist Oberärztin im Adipositaszentrum des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf. Außerdem forscht sie in diesen Bereichen am renommierten King’s College in London. In ihrer täglichen Arbeit hat sie zahlreiche Meschen auf ihrem Weg zu einem bewussteren Essverhalten begleitet. Ihre Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis hat sie in ihrem neuen Ratgeber „Die neue Wissenschaft vom Sattsein“ (Gräfe und Unzer) gebündelt. 

 
 

Frau Roser, manchmal scheint unser Kopf ununterbrochen ans Essen zu denken, ganz unabhängig vom Hunger. Welche Mechanismen stecken hinter diesem Phänomen, das Experten „Food Noise“ nennen. 

„Food Noise ist das ständige, innere Rauschen rund ums Essen – Gedanken, Bilder, Appetit, die auftauchen, obwohl der Körper eigentlich keinen Energiebedarf hat. Das ist zutiefst menschlich: Seit Jahrtausenden hat unser Körper gelernt, jede Energiereserve zu speichern, um unser Überleben zu sichern. Nur leben wir in der westlichen Welt nicht mehr in Nahrungsknappheit, sondern in einer Art Dauerbuffet mit zu jeder Zeit verfügbaren, vor allem hochverarbeiteten, Lebensmitteln. Dazu kommt: Essen ist gelernt. Es ist Ritual, Erinnerung, Belohnung und Beruhigung. Wenn wir gelernt haben, bei Stress oder Einsamkeit zu essen, meldet sich der Appetit selbst dann, wenn der Magen eigentlich schweigt.“

Wie verändern sich Hunger- und Sättigungssignale bei ungesunder Ernährung?

„Eine dauerhafte zucker- und fettreiche Ernährung kann die hormonelle Appetitregulation verschieben. Die Folge: Der Kopfhunger wird lauter, die Sättigung leiser. Es entsteht ein Teufelskreis aus mehr Appetit, mehr Essen und Gewichtszunahme. Das ist keine Schwäche, sondern Biologie.“

In Ihrem Buch sprechen Sie von der „neuen Wissenschaft vom Sattsein“. Wie hat sich in unserem Verständnis von Hunger und Sättigung in den letzten Jahren verändert?

„Wir reden viel übers Abnehmen, aber viel zu wenig über Sattsein. Genau darin liegt aber die Lösung. Nur wer versteht, wie Hunger entsteht und warum Sättigung manchmal ausbleibt, kann Frieden mit seinem Essverhalten schließen. Diäten beruhen auf Verzicht – das macht uns früher oder später unzufrieden. Wissen über die biologischen Prozesse, die zu Sättigung und Hunger führen, dagegen, macht frei.“

 
 

Je stärker ein Lebensmittel verarbeitet, desto geringer ist sein Sättigungspotential.

Dr. med. Pia Roser in "Die neue Wissenschaft vom Sattsein" (Gräfe und Unzer)

 
 

Wie lässt sich echter Hunger von emotionalem oder stressbedingtem Essen unterscheiden?

„Echter Hunger ist ein Signal des Körpers ist, dass ein Energiemangel vorliegt. Emotionaler Hunger, oder Kopfhunger, wie ich ihn in meinem Buch nenne, reagiert auf Gefühle, Stress, Langeweile oder einfach den Anblick von Pizza o.ä.. Im hektischen Alltag vermischen sich beide oft. Doch wer weiß, wann und wie Kopfhunger entsteht, kann echten Hunger besser vom Kopfhunger unterscheiden.“

Welche körperlichen und hormonellen Signale zeigen uns, dass wir satt sind – und warum fällt es so schwer, sie wahrzunehmen?

„Unsere Sättigung ist ein Konzert aus Hormonen, die im Körper große Wirkung haben. Sie funken ans Gehirn: „Es reicht. Du bist satt.“
Dazu kommt die Magendehnung – deshalb machen volumenreiche Lebensmittel wie Gemüse, Salat und Suppen länger satt.
Problematisch wird es, wenn wir zu schnell essen, ständig nebenbei snacken oder hochverarbeitete Lebensmittel bevorzugen. Dann können wir die Signale unseres Körpers überhören.“

Kann eine ausgewogene Ernährung mit allen wichtigen Mikronährstoffen helfen, unsere Sättigungssysteme wieder in Balance zu bringen?

„Ja, definitiv! Viel Gemüse, Ballaststoffe und Proteine, wenig hochverarbeitete Kost – so stärken wir unsere eigenen Sättigungssignale und bringen Ruhe in die innere Geräuschkulisse. Je stabiler der Blutzucker, desto leiser der Kopfhunger.“

 
 

Pia Rosers praktische Strategien gegen Food Noise im Alltag:

  1. Regelmäßige Mahlzeiten: Der Körper liebt Routinen.

  2. Achtsames Essen: Was wir nicht bewusst wahrnehmen und schmecken, macht nicht satt.

  3. Food Content Pause: Bilder und Videos aber auch der Geruch von Nahrungsmitteln, können den Appetit anregen – selbst ohne Hunger.

  4. Ohne Ablenkung essen: Sättigung braucht Aufmerksamkeit.

  5. ​Pfefferminz-Kaugummi kauen: Das kann den Appetit reduzieren

 
 

Zum Schluss: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an alle, die wieder lernen möchten, auf ihren Körper und ihr natürliches Sättigungsgefühl zu vertrauen?

„Es ist kein persönliches Versagen, Hunger und Appetit zu haben. Es ist Biologie. Wer den eigenen Körper versteht, hört endlich auf, gegen ihn zu kämpfen. Unser Körper ist nicht unser Gegner, sondern versucht seit jeher, unser Überleben zu sichern. Wenn wir seine Sprache lernen, wird aus dem inneren Kampf ein Aha-Moment: Sattsein ist möglich. Man muss nur wissen wie.“

Vielen Dank für das Gespräch!

 
 
 
 

Heißhunger adé: So fördern Sie echtes Sättigungsgefühl.

Mit den richtigen Gewohnheiten können wir den körpereigenen Sättigungsfaktor GLP-1 natürlich anregen. GLP-1 ist ein Darmpeptid, das Sättigungssignale verstärkt und unserem Gehirn hilft, das Gefühl Ich bin satt zu registrieren. GLP-1 wird in künstlicher Form auch in Abnehmspritzen genutzt. 

Do's:

  • 3 Mahlzeiten/Tag

  • Frühstück essen

  • späte Mahlzeiten vermeiden

  • zu jeder Mahlzeit: eine Proteinquelle (z. B. Nüsse, Hülsenfrüchte, Joghurt) + Ballaststoffe (Vollkorn, Haferkleie) + mikronährstoffreiche Lebensmittel

  • 12–16 Stunden Fasten in der Nacht

Effekte: 

  • bessere Insulinsensitivität

  • weniger Entzündungen

  • funktionierende Sättigungssignale

Don'ts:

  • 4 oder mehr Mahlzeiten pro Tag

  • ​Frühstück auslassen

  • spät essen (<3 Stunden vor dem Schlafen)

  • viel Zucker und schlechte Fette

  • verkürzte nächtliche Fastenzeit

Effekte:

  • verringerte Insulinsensitivität

  • mehr Entzündungen

  • gestörte Sättigungssignale

 
 
 
 

Gamechanger Peptide: Heißhunger stoppen und endlich abnehmen.

Warum reagiert mein Körper so rebellisch auf meine Bemühungen, Gewicht zu verlieren? Warum habe ich viel zu häufig Appetit? Warum esse ich aus Langeweile, bei Stress und aus Frust? In Ihrem Buch "Die neue Wissenschaft vom Sattsein" enthüllt Dr. Pia Roser  die revolutionäre Wissenschaft der Peptidhormone. Diese Botenstoffe, wie das Hormon GLP-1, sind die Vorlage der modernen Abnehmspritzen – lassen sich aber auch ganz natürlich aktivieren (272 Seiten, 22 Euro, Gräfe und Unzer).