Was tun bei Reizdarm? Hilfe & Checkliste bei Reizdarmsyndrom (RDS)
Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung – wenn der Darm dauerhaft aus dem Gleichgewicht gerät, folgt oft die Diagnose: Reizdarmsyndrom (RDS). Für viele Betroffene beginnt damit eine oft frustrierende Odyssee – ohne klare Ursache und scheinbar ohne „Heilmittel“. Aber: Die Diagnose Reizdarm ist kein Endpunkt – sondern der Anfang für Veränderung. Mit einem ganzheitlichen Ansatz können Sie Ihren Darm wieder in Balance bringen und Ihre Lebensqualität deutlich verbessern.
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Inhaltsverzeichnis
Der Bauch schmerzt, bläht sich auf, der Gang zur Toilette wird zum täglichen Stressfaktor – und medizinische Untersuchungen liefern scheinbar keine eindeutigen Befunde. Für Millionen von Menschen ist das Alltag. Das Reizdarmsyndrom (RDS), auch Irritable Bowel Syndrome (IBS) genannt, gehört zu den häufigsten funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 10–15 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Trotz seiner Häufigkeit wird der Reizdarm oft missverstanden, bagatellisiert oder als „psychisch“ abgetan. Dabei handelt es sich um eine echte, komplexe Erkrankung, die Körper und Psyche gleichermaßen betrifft – und für die es heute gut belegte Behandlungsstrategien gibt.
Was ist das Reizdarmsyndrom (RDS)?
Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Störung des Verdauungstrakts. Das bedeutet: Die Beschwerden entstehen durch eine gestörte Funktion des Darms, ohne dass sich klare Schäden an Darmstrukturen zeigen. Die Diagnosestellung basiert daher auf klinischen Symptomen, nicht auf einem direkten Labortest oder bildgebenden Verfahren.
Ein Reizdarm äußert sich individuell sehr unterschiedlich, häufig jedoch durch:
wiederkehrende Bauchschmerzen oder -krämpfe
Blähungen und Völlegefühl
Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel aus beidem
Schleim im Stuhl
das Gefühl unvollständiger Darmentleerung
Wichtig zu wissen: Ein Reizdarm ist keine harmlos erscheinende Verdauungsbeschwerde, sondern ein chronisches funktionelles Syndrom, das die Lebensqualität beeinträchtigen kann – auch wenn keine schwerwiegenden organischen Erkrankungen vorliegen.
Kurzfristige Verdauungsprobleme und Veränderungen des Stuhlgangs, zum Beispiel häufiger oder seltener sowie flüssiger oder härter, kennt jeder und sind kein Grund zur Besorgnis. Von einem Reizdarmsyndrom spricht man erst, wenn die Symptome länger als drei Monate anhalten und andere Ursachen ausgeschlossen werden konnten: Nahrungsmittelunverträglichkeiten (etwa Fruktose-Intoleranz, andere oder multiple Intoleranzen) und -allergien, Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa oder auch Fehlbesiedlungen des Darms. Weltweit sind es rund 10 bis 15 Prozent, die an einem RDS leiden.
Ursachen: Warum entsteht ein Reizdarm?
Die genauen Ursachen des Reizdarmsyndroms sind nicht vollständig geklärt – ein einzelner krankheitsauslösender Mechanismus konnte bislang nicht identifiziert werden. Stattdessen sprechen Fachleute von einem multifaktoriellen Geschehen, d. h. der Reizdarm entsteht durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
1. Gestörte Darm-Hirn-Kommunikation
Der Darm und das zentrale Nervensystem stehen in ständiger Wechselwirkung. Beim Reizdarm ist diese Kommunikation eventuell beeinträchtigt und Stress, Angst oder psychische Belastung kann die Darmreaktionen verstärken, was zu einer Überempfindlichkeit des Darms führen kann.
2. Veränderungen im Darmmikrobiom
Studien zeigen, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien bei Reizdarmpatienten häufig verändert ist. Bestimmte Bakterien fehlen, andere sind überrepräsentiert. Ein Ungleichgewicht von guten und schlechten Bakterien im Darm kann Blähungen, Krämpfe oder Durchfall begünstigen.
3. Stress und psychische Belastungen
Stress, psychische Belastungen oder negative Lebensereignisse sind zwar kein Auslöser im klassischen Sinn, können aber Symptome verstärken und die Schmerzwahrnehmung erhöhen.
4. Infektionen als Auslöser
Nach Magen-Darm-Infekten kann sich ein sogenannter postinfektiöser Reizdarm entwickeln.
5. Ernährung und Unverträglichkeiten
Bestimmte Kohlenhydrate (z. B. FODMAPs) werden im Darm schlecht verarbeitet und können Beschwerden massiv verstärken.
6. Störung der Darmbewegung (Motilität)
Der Darm zieht sich manchmal zu stark oder zu schwach zusammen. Dadurch kommt es zu Durchfall, Verstopfung oder wechselnden Beschwerden.
Diagnose Reizdarm: Was nun?
Wurde die Diagnose RDS ist gestellt und das Leiden oft groß – muss man damit nun sein Leben lang geben? Nein, denn es gibt Wege, den Darm zu beruhigen und das Leben wieder zu erleichtern. Mit einem ganzheitlichen, alltagstauglichen Ansatz lässt sich viel erreichen. Unser 5-Schritte-Plan soll Sie dabei unterstützen, Ihren Körper besser zu verstehen, Symptome gezielt zu lindern und langfristig wieder mehr Lebensqualität zu gewinnen.
Der Darm denkt mit – das Bauchhirn verstehen
Was viele nicht wissen: Der Darm ist mehr als nur ein Verdauungsorgan. Er hat ein eigenes Nervensystem – das sogenannte enterische Nervensystem –, das eng mit dem Gehirn vernetzt ist. Deshalb spricht man auch vom „Bauchhirn“. Reize wie Stress, Angst oder unausgewogene Ernährung können das sensible Gleichgewicht im Darm stören – und zu einer Überreaktion führen. Bei einem Reizdarm reagiert dieses System besonders empfindlich, was die typischen Beschwerden verstärken kann.
Schritt für Schritt – Das können Sie bei Reizdarm tun
Jeder Reizdarm ist einzigartig – und die Reizdarmbeschwerden entstehen selten durch einen einzelnen Auslöser. Mit einem strukturierten, individuellen Ansatz können Sie jedoch gezielt Beschwerden identifizieren, reduzieren und Ihre Lebensqualität deutlich verbessern. Dieser Check hilft Ihnen, systematisch zu erkennen, wo die wichtigsten Stellschrauben bei Ihnen liegen – und welche Maßnahmen sinnvoll sind.
1. Reagiert Ihr Darm auf bestimmte Lebensmittel?
Bei vielen Menschen mit Reizdarmsyndrom stehen die Beschwerden in Zusammenhang mit der Ernährung – insbesondere mit schwer verdaulichen Kohlenhydraten (FODMAPs). Typisch sind Symptome, die zeitlich verzögert nach dem Essen auftreten, etwa Blähungen, Druckgefühl oder veränderter Stuhl.
Finden Sie heraus:
Verschlechtern sich Ihre Beschwerden nach bestimmten Mahlzeiten?
Gibt es Lebensmittel, nach denen Symptome besonders häufig auftreten?
Sind die Beschwerden an manchen Tagen deutlich stärker als an anderen?
Ein strukturiertes Darm- und Ernährungstagebuch kann helfen, Muster zu erkennen. In Kombination mit einer zeitlich begrenzten FODMAP-Reduktion lassen sich individuelle Reizstoffe oft klar identifizieren.
Nutzen Sie gerne unser Ernährungstagebuch.
FODMAP-Reduktion gezielt einsetzen
Viele Menschen mit Reizdarm reagieren empfindlich auf bestimmte fermentierbare Zucker und Zuckeralkohole – die sogenannten FODMAPs. Diese können im Darm vermehrt Gase bilden oder Wasser ziehen und so zu Blähungen, Schmerzen oder Stuhlveränderungen führen. Eine vorübergehende FODMAP-arme Ernährung bei Reizdarm kann helfen, individuelle Auslöser zu erkennen.
So gehen Sie vor:
Phase 1: FODMAP-reduzierte Ernährung (4–6 Wochen)
Verzichten Sie für einige Wochen vollständig auf FODMAP-reiche Nahrungsmittel:
Fruktose (z. B. in Äpfeln, Birnen und Honig)
Laktose (in Milchprodukten)
Fruktane (in Weizen, Knoblauch und Zwiebeln) und Galaktane (in Hülsenfrüchten)
Polyole (in Kirschen und Kaugummi)
Sorbit (zuckerfreie Süßigkeiten)
Viele Reizdarm-Betroffene berichten in dieser Phase von einer deutlichen Besserung ihrer Beschwerden. Wichtig ist jedoch, dass diese Ernährungsform eine drastische Umstellung darstellt und unter Anleitung einer qualifizierten Ernährungsfachkraft durchgeführt werden sollte, um Nährstoffmängel zu vermeiden.
Phase 2: Strukturierter Wiedereinbau einzelner Lebensmittelgruppen
Im Anschluss werden die FODMAP-reichen Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt, um individuelle Unverträglichkeiten zu identifizieren.
Ziel ist es, individuelle Auslöser zu erkennen und langfristig wieder möglichst vielseitig zu essen.
2. Sind die Mikronährstoffspeicher noch ausreichend gefüllt?
Bei Menschen mit Reizdarmsyndrom können die Speicher bestimmter Vitamine und Spurenelemente stark geleert sein – sei es durch eine eingeschränkte Aufnahme, häufigen Durchfall oder chronischen Stress. Eine gezielte Unterstützung kann helfen, die natürliche Darmfunktion zu unterstützen, da Mikronährstoffe nachweislich zur normalen Funktion von Verdauung, Nerven- und Immunsystem beitragen:
Magnesium spielt für die Darmmuskulatur, aber auch für die Reizweiterleitung eine unterstützende Rolle. Ohne Magnesium kann die Darmmuskulatur nicht richtig arbeiten, was einen trägen Darm fördern kann.
Vitamin C, Vitamin B6 und B12 spielen nicht nur eine Rolle für den Energiestoffwechsel, sie sind zentral für unser Nervensystem, helfen bei der Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin und sind daher für die Darm-Hirn-Achse und auch die psychische Balance essentiell.
Die Mikronährstoffe Zink, Eisen, den Vitaminen C, A, D, B6, B12, Folsäure, Kupfer und Selen unterstützen das Immunsystem, das zu 80 Prozent im Darm sitzt.
Gesunde Darmflora unterstützt die Mineralstoffaufnahme
Mineralstoffe wie Eisen, Calcium, Zink und Selen müssen aus der Nahrung freigesetzt und im Darm aufgenommen werden, bevor sie dem Körper zur Verfügung stehen. Eine Übersichtsarbeit1 zeigt, dass Darmbakterien die Freisetzung und Aufnahme dieser Mineralstoffe fördern können, etwa durch Fermentation und den Abbau hemmender Nahrungsbestandteile. Gleichzeitig beeinflusst die Verfügbarkeit von Mineralstoffen auch die Zusammensetzung und Funktion der Darmflora selbst. Beim Reizdarmsyndrom, das häufig mit einem veränderten Darmmikrobiom einhergeht, kann dieses empfindliche Gleichgewicht gestört sein. Die gezielte Unterstützung des Mikrobioms könnte daher nicht nur die Darmfunktion, sondern auch die Mineralstoffversorgung beeinflussen.
3. Wie stabil ist Ihr Mikrobiom und Ihre Darmbarriere?
Das Mikrobiom übernimmt zentrale Aufgaben bei der Verdauung, der Immunregulation und der Nährstoffaufnahme. Beim Reizdarmsyndrom findet sich häufig eine Dysbiose, also ein Ungleichgewicht der Darmbakterien.
Typische Hinweise auf ein Ungleichgewichts des Mikrobioms:
starke Gasbildung und wechselnde Stuhlformen
erhöhte Infektanfälligkeit
Unverträglichkeiten ohne klares Muster
Anhaltende Erschöpfung und Energiemangel
Verschlechterung von Hautproblemen wie Akne oder Ekzemen
Heißhungerattacken
Haben Sie einen Verdacht, dass Ihr Mikrobiom Unterstützung gebrauchen könnte, können Sie mit einer darmfreundlichen Ernährung viel erreichen. Studien zeigen, dass bestimmte Probiotika-Stämme Beschwerden wie Blähungen oder Stuhlunregelmäßigkeiten lindern können. In welchen Lebensmitteln finden Sie diese Probiotika-Stämme? Hauptsächlich in fermentierten Lebensmitteln:
Joghurt, Kefir, Käse
Fermentiertes Gemüse
Kombucha
In Kombination mit Präbiotika, also ballaststoffreichen Lebensmitteln, die die guten Bakterien „füttern“, können Sie die Vielfalt und Stärke der Darmflora deutlich verbessern. Besonders ballaststoffreiche Lebensmittel sind z. B. Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Samen, Nüsse, Obst und Gemüse.
4. Wie stressig ist mein Alltag wirklich?
Der Darm ist eng mit unserem Nervensystem verknüpft – viele sprechen vom „zweiten Gehirn“. Emotionale Belastungen wie anhaltender Stress, innere Anspannung, Zeitdruck oder emotionale Belastungen können die Schmerzverarbeitung im Darm verstärken, die Verdauung nachhaltig beeinflussen und Symptome verstärken.
Fragen Sie sich:
Verschlechtern sich Ihre Beschwerden in stressigen Phasen?
Haben Sie das Gefühl, Ihr Darm „reagiert sofort“ auf Druck oder Sorgen?
Fällt es Ihnen schwer, zur Ruhe zu kommen?
Ziel ist es, das Nervensystem zu regulieren und die Darm-Hirn-Achse zu stabilisieren – neben der Ernährung der wichtigste Schritt für einen Darm in Balance. etwa durch Entspannungsverfahren, Achtsamkeit, Bewegung oder bei Bedarf auch psychologische Unterstützung.
Hilfreiche Strategien zur Regulation Ihres Nervensystems:
Struktur im Alltag (Routinen, regelmäßige Mahlzeiten, Pausen)
Moderate Bewegung (z. B. Spaziergänge, Yoga)
Achtsamkeitsübungen, z. B. Meditation, Atemtechniken oder somatische Übungen
Regelmäßiges Tagebuch schreiben
bei Bedarf auch psychologische Unterstützung.
5. Besteht ein Zusammenhang mit dem hormonellen Zyklus?
Insbesondere bei Frauen können Reizdarmbeschwerden zyklusabhängig auftreten. Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen sowohl die Darmbewegung als auch die Schmerzempfindlichkeit.
Östrogen: Höhere Spiegel können die Darmbeweglichkeit verringern und die Schmerzempfindlichkeit erhöhen, was Reizdarmsymptome begünstigt.
Progesteron: Ein Anstieg in der zweiten Zyklushälfte kann die Darmbewegung verlangsamen, was zu Verstopfung führt.
Viele Frauen erleben daher eine Verschlechterung der Symptome (z. B. Schmerzen, Blähungen) vor der Menstruation oder in der zweiten Zyklushälfte – gleichzeitig können Symptome wie PMS, Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen auftreten. In diesen Fällen kann es sinnvoll sein, die Hormonbalance gezielt zu unterstützen.
So unterstützen Sie die natürliche hormonelle Regulation Ihres Körpers:
Gesunde Fette & Ballaststoffe: Omega-3 (Fisch, Leinöl), Leinsamen, Kürbiskerne, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse.
Wichtige Vitamine & Mineralstoffe: Magnesium, Zink, Jod, Vitamin D, B-Vitamine (besonders B6).
Kreuzblütler: Brokkoli, Grünkohl, Rosenkohl unterstützen den Östrogenstoffwechsel.
Reduzieren: Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel, Transfette, übermäßiges Koffein
Mönchspfeffer
Bewegung: Regelmäßige, moderate Bewegung an der frischen Luft (Schwimmen, Radfahren, Spaziergänge) reguliert Hormone und setzt Endorphine frei.
Schlaf: Fester Schlafrhythmus und gute Schlafhygiene unterstützen die Regulation.
Fazit: Reizdarm verstehen – Lebensqualität zurückgewinnen
Die Diagnose Reizdarm stellt viele Fragen – doch sie bietet auch die Chance, den eigenen Körper besser kennenzulernen und die eigenen Gewohnheiten neu zu überdenken. Da es sehr individuell ist, braucht es auch eine individuelle Herangehensweise. Wer seine Beschwerden kennt, kann hier bewusst ansetzen und gegensteuern. Führen Sie ein Ernährungs- und Symptomtagebuch, lernen Sie auf körperliche Signale zu hören und passen Sie Sie Ernährung und Lebensstil flexibel an Ihre aktuelle Lebensphase an.
Mit strukturierten Schritten, fundiertem Wissen über Ernährung und Mikronährstoffe und etwas Geduld lässt sich die Darmgesundheit oft deutlich verbessern.
Wichtig ist: Es geht nicht um Perfektion, sondern um kontinuierliche Verbesserung Ihrer Lebensqualität.
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Bielik, V.; Kolisek, M. Bioaccessibility and Bioavailability of Minerals in Relation to a Healthy Gut Microbiome. Int. J. Mol. Sci. 2021, 22, 6803.